Das Bildungsproblem




(1) Allgemeines

In Nordkorea sind 10 Jahre Schulausbildung kostenfrei und verbindlich. Im Süden gilt die 9-jährige Schulpflicht für 6- bis 15-Jährige. Der Besuch der Grundschule ist kostenfrei, die weitere Schulbildung besteht aus drei Jahren Mittelschule und drei Jahren Oberschule. Darüber hinaus ist der Besuch einer Ausbildungseinrichtung freiwillig im Süden. Es gibt Technik-, Handels- und Berufsschulen sowie schulische Einrichtungen für körperlich Behinderte. Im Süden spielen Privatschulen, besonders als Oberschulen, eine bedeutende Rolle. Im folgenden wird vorwiegend nur das südkoreanische Bildungsproblem ausgeführt.

(2) Der Kindergarten

Im Süden gibt es staatliche und private, konfessionelle und freie Kindergärten. Normalerweise mit vier Jahren lernen dort viele Kinder schon lesen und schreiben. Wenn sie mit sechs Jahren in die Grundschule kommen, können sie im allgemeinen bereits das koreanische Silbensystem beherrschen.

(3) Die private Grundschule

Es gibt in Südkorea sehr viele privaten Grundschule, in die nur begabte und reiche Kinder eintreten können. In diesen Schulen können die Kinder nicht ohne vorherige Aufnahmeprüfung kommen, weil ihnen die Schule ganz niveauvolle Unterrichten anbieten und ihre Absolventen mit größerer Wahrscheinlichkeit Elitenschüler werden. Natürlich kann man sich auf Prüfungen vorbereiten.

(4) Die Paukschulen

Schon mit sechs Jahren muss man auch nach dem Schulstundenende viele Paukschulen besuchen, also haben manche koreanischen Kinder keine genügende Zeit für Spielen. So verläuft der Weg zur Elite-Uni. Für Kreativität und Originalität bleibt da wenig Spielraum. In der Tat wird in die jungen Köpfe hauptsächlich Paukwissen hineingestopft. Es überlebt der Schüler mit der besten Fähigkeit zum Ansammeln, Speichern und Wiedergeben solchen Wissens.

(5) Das System der Grundschule

Die südkoreanische Grundschule umfaßt 6 Jahre analog zum amerikanischen Schulsystem. Fremdsprachunterricht ist dort noch nicht vorgesehen. Die Fächer sind: Koreanisch, Mathematik, Kalligraphie, Sozialkunde, Geschichte, Naturwissenschaft, Geographie, Musik und Sport. Der Unterricht findet von 8 bis 15 Uhr statt.

(6) Die Mittelschule

Die Mittelschule entspricht der amerikanischen Junior Highschool. Englisch kommen u.a. als neue Fächer hinzu. Da die wenigsten Englischlehrer Englisch sprechen können, und weil es nur um Grammatik geht, lernen die Schüler in der Regel nur, englisch zu lesen - was ihre Hilflosigkeit im Umgang mit Ausländern erklärt.

(7) Die Oberschule

In der Oberschule, die der amerikanischen Senior Highschool entspricht, erfolgt der Schlußspurt; er stellt die Vorbereitung auf das Eintrittsexamen der Universitäten ganz vornean. Für die Prüfung unwichtige Fächer werden hemmungslos vernachlässigt. Den Schülern passiert nichts, denn Sitzenbleiben ist an koreanischen Schulen nicht üblich. Das liegt daran, dass alle gemeinsam das Klassenziel zu erreichen bestrebt sind. Wenn ein Schüler nicht durch Krankheit oder ähnliche Gründe längere Zeit von der Schule fernbleibt, wird es beinahe garantiert die nächste Klasse erreichen.

(8) Das Universität-Eintrittsexamen

Das Universität-Eintrittsexamen ist deshalb so wichtig in Südkorea, weil mit der Aufnahme auf eine bestimmte Universität die berufliche Karriere bereits sehr deutlich vorgezeichnet ist. Das Abschlußexamen einer Uni ist Nebensache. Denn die südkoreanische Logik lautet: wenn die Uni einen bestimmten Kandidaten für fähig befunden haben, an ihrer Uni zu studieren, dann können sie sich unmöglich täuschen.

Also, während der so wichtigen Uni-Eintrittsprüfungen wartet die erziehungsbesessene Mutter (typisch-koreanische Mutter) mit den anderen Müttern trotz sehr kaltes Wetters draußen vor dem Tor - getragen von der bangen Hoffnung, dass der Sohn oder die Tochter es schaffen möge. Koreanern erscheint es überhaupt nicht ungewöhnlich, dass Mütter ihre "Kinder" (auch wenn sie schon alt genug sind, werden sie von ihrer Mutter immer als "Kinder" genannt) so streberhaft begleiten, da in Südkorea ungeheuer Wert auf bestmögliche schulische Karriere gelegt wird. Kein Wunder, dass die Mütter und Lehrer nicht selten zur Zielscheibe brutaler sadistischer Phantasien der Kinder werden.

Also absolvieren die Schüler in Südkorea Arbeitstage, die jedem Erwachsenen zur Ehre gereichen würden. So spielen die südkoreanischen Schüler weniger draußen als ihre Altersgenossen in anderen Ländern. Viele von ihnen versäumen über allem Pauken das Einüben lebenspraktischer Dinge. Sie vernachlässigen dabei nicht nur ihre eigene körperliche und seelische Entwicklung, sie bleiben auch unselbständig. Und manchmal begehen sie Selbstmord, nur wegen der so schwierigen und bedrückenden Uni-Eintrittsprüfung.

(9) Das Uni-Leben

Hingegen ist die Studentenzeit für viele nach der Kleinkindzeit die angenehmste Phase des Heranwachsens. Wer die berühmtesten SKY-Universitäten (Seoul-Nationaluniversität, Korea-Universität, Yonsei-Universität) absolviert hat, findet leicht den Weg in die großen Konzerne. In Südkorea haben die drei besten Universitäten einen guten Ruf und schaffen gute Karriere-Voraussetzungen, nicht weil die Universitäten guten Unterricht bieten, sondern weil ihre Studenten nicht viel am Minderwertigkeitsgefühl in ihrem Studentenleben leiden müssen. Für eine südkoreanische Familie ist es nun einmal sehr beruhigend, dass so früh schon der Weg zu prestigereichen Positionen geebnet werden kann. Wehe denen jedoch, die die Hürde der schwierigen Prüfungen zu einer begehrten Uni nicht schaffen.

(10) Die Universitätenunterscheidung

Viele bewerben sich ohnehin zugleich an mehreren. Und nicht wenige (sogenannte Chesusäng) nehmen ein Jahr Urlaub in Kauf, um im zweiten Anlauf ans Ziel zu kommen. Viele von ihnen nehmen noch ein Jahr Urlaub in Kauf, um im dritten Anlauf es zu schaffen. Der Absturz an eine zweit- oder drittklassige Universität begrenzt ja bereits die Berufschancen zu einem Zeitpunkt, da der Beruf noch ganz schwierig ergriffen wurde. In Südkorea fragt man deshalb immer: An welcher Universität hast du studiert ? Hingegen ist es nicht so wichtig, was man studiert hat. Aber auch in der gleichen Universität gibt es auch großen Vorzug zwischen Fächern. Jura- oder Medizinstudenten haben normalerweise sehr große Überlegenheitsgefühle gegenüber anderen Fächerstudenten.

Also nehmen nicht wenige Leute langjährigen Urlaub in Kauf, weil viele Südkoreaner sagen, dass das Studium in den Elitenuniversitäten immer etwas besseres verspricht, auch wenn man im ganz hohen Alter in die Universität eingetreten hätte und dafür ganz viel Geld und Zeit verwendet hätte. Eigentlich ist aber das Studium in Südkorea sehr teuer. Ein Jahr an einer staatlichen Universität kostet mit Lebensunterhalt über 10.000 EUR, die privaten sind noch teurer: 14.000 - 18.000 EUR.

(11) Das Stellengesuch

Wenn sich die Uni-Absolventen (immerhin 30% aller jungen Südkoreaner) auf die Suche nach einem Arbeitsplatz begeben, müssen sie noch ein letztes Mal durch das Nadelöhr einer Aufnahmeprüfung gehen. Die großen Konzerne haben die ganz guten Arbeitsplätze in Südkorea, denn sie bieten beamtenähnliche Sicherheit und mehr Löhne als die kleineren Firmen: man ist praktisch unkündbar, das Einkommen liegt teilweise doppelt so hoch wie bei kleineren Firmen und Staatsbehörden.

Und weil stets mehr Bewerber als freie Arbeitsplätze da sind, werden die Absolventen wieder geprüft. Eine erste Prüfung trennt grob die Spreu vom Weizen, eine zweite siebt den Rest aus. Nicht selten ist das Kriterium dafür nur das: An welcher Universität hast du studiert ? Erst wenn man auf solche Weise die Prüfungen bestanden hat, dann wird er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Erwartet werden von den Bewerbern unbedingte Loyalität gegenüber den Belangen der Firma und völlige Einordnung in die neue Gruppe - verbunden mit engagiertem Einsatz für das Unternehmen.

Zurzeit tauchten die neuen Venture-Firmen (normalerweise kleinere Internet-Firmen) als beliebte Arbeitsplätze für die Uni-Absolventen auf, weil einige großen Konzernen (bsp. Daewoo) schon nach der wirtschaftlichen Krise in Konkurs geraten sind. Dank der Luftblasen auf dem Internet-Markt und der bewußten Unterstützung der südkoreanischen Regierung haben die Firmen im Jahr 1999 ganz gute Zeiten erlebt und boten ihren Personalen ziemlich hohen Löhnen. Aber nach dem Zergehen der Spekulationsblasen mussten die Venture-Firmen auch sehr bittere Erfahrung machen.

(11) Das Staatsexamen

Also kann man sagen, dass die begehrsten Arbeitsplätze in Südkorea nicht von den Firmen sondern von den Behörden geboten werden. Schon früher ist deswegen die wichtigste Prüfung für die südkoreanischen Studenten keine Aufnahmeprüfung in die Firma sondern das juristische Staatsexamen gewesen. Weil lange Zeit die Rechtsanwälten ganz gut verdient haben (durchschnittlich 150,000 EUR pro Jahr) und gesellschaftlich ganz bevorzugt behandelt wurden, haben sich die Elitenstudenten normalerweise nur mit dem juristischen Staatsexamen ausschließlich beschäftigt, nicht nur die Jurastudenten sondern auch die ganz verschiedene Fächer Studierende. (In Korea braucht man nicht Jura zu studieren, um das juristische Staatsexamen zu bestehen. Bsp. Ingenieurschüler oder Philosophiestudenten können auch das juristische Staatsexamen machen.)

Natürlich ist das Examen ganz schwierig, weil das südkoreanische Staatsexamen keine normale Befähigungsprüfung sondern eher Elitenfilterprüfung ist, die sogar ganz begabte Jurastudenten nicht leicht bestehen können, wenn sie am Prüfungstag nicht genügendes Glück haben. Lange Zeit konnten nur 2% von all den Examinanden das Examen bestehen, weil die Zahl der Examinierten festgesetzt ist. (Früher nur einige Zehn Examinanden konnten jährlich das Examen bestehen.)

Vor einigen Jahren ist gottseidank die Zahl ziemlich vermehrt worden. Trotzdem ist der Konkurrenzkoeffizient nicht so gesunken, weil immer mehr Studenten aus verschiedenen Fächern die Vorbereitung des Staatsexamens angefangen haben. In Südkorea sagt man, dass es kein Zeitverlust wäre, wenn er trotz langjähriger Examenvorbereitung spätestens vor 40 Jahren das Staatsexamen bestehen könnte. Also nehmen viele begabten Uni-Absolventen wie beim Uni-Eintrittsexamen langjährigen Urlaub in Kauf, um das juristische Staatsexamen zu bestehen. Nicht selten muss man deswegen bis zum 40 Jahren berufslos sein, obwohl er eigentlich ganz begabter Student war.

4. April 2001


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